Bei 4. Gipfelgesprächen die Vielfalt des Nationalparks erlebt Traditionelle Wanderung mit MdL Muthmann

Martin Stary (links) erklärt bei den Gipfelgesprächen 2018 das Rettungsprojekt für die Birkhühner.

Finsterau/Bučina. Die ganze Vielfalt des Nationalparks erleben, immer wieder staunen, was die Natur hervorbringt – das ist der Sinn der Gipfelgespräche, zu denen der Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der Juniorranger im Nationalpark, Alexander Muthmann, seit vier Jahren einlädt. Bei traumhaftem Wetter führte die traditionelle Herbstwanderung am vergangenen Wochenende erstmals hinüber auf die tschechische Seite. Martin Stary, stellvertretender Direktor des Nationalparks Šumava und Leiter der Abteilung Naturschutz und Forschung, schilderte eine Reihe von Besonderheiten in diesem Teil des Böhmerwaldes, den die Tschechen „die Rauschende“ nennen.

Die Renaturierung des Finsterauer Filzes ist ein gemeinsames Projekt der beiden Nationalparks. Das Hochmoor im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet wurde in das Schutzgebietssystem Natura 2000 aufgenommen, berichtete Brigitte Schreiner von der Nationalparkwacht Bayerischer Wald, die sich auf der der ersten Etappe vom Wistlberg bis zum Grenzübergang Bučina als kundige Führerin erwies. Vor der idyllischen Reschbachklause berichtete sie, wie das Holz aus dem Bayerischen Wald auf den Bächen bis nach Passau getriftet und dann auf Schiffen bis Wien befördert wurde – eine harte und gefährliche Arbeit für die Holzhauer und die Flößer. Auf dem schmalen Weg zum Siebensteinkopf erlebten die Wanderer den neuen wilden Wald, der sich mit großer Dynamik entwickelt und aus dem immer wieder graue Baumskelette in den Himmel ragen – ein eindrucksvolles Symbol für Werden und Vergehen, wie Teilnehmer feststellten. Der Siebensteinkopf in 1263 Meter Höhe hat seinen Namen von den sieben Steinen unterhalb des Gipfels.

Am Grenzübergang Finsterau/Bučina erwartete Martin Stary vom Nationalpark Šumava die Gruppe. Die Forschung ist das Spezialgebiet des Naturschützers, der in seiner Schulzeit ein Jahr am Gymnasium Leopoldinum in Passau verbracht hat. Stary ist froh, das mit der Novelle des Naturschutzgesetzes im Jahr 2017 verbindliche Standards für den 68 000 Hektar großen Nationalpark Šumava geschaffen wurden, der fast drei Mal so groß ist wie der Nationalpark Bayerischer Wald. In der Zone eins, der Naturzone, bleibt die Natur sich selbst überlassen, der Mensch greift nicht mehr ein. Diese Regelung war lange Jahre umstritten, berichtete Stary. Und Alexander Muthmann ergänzte: „Umweltminister kamen und gingen und mit ihnen die Direktoren der Nationalparkverwaltung Šumava.“ Seit 2014 aber sei die Zusammenarbeit im größten zusammenhängenden Waldgebiet Europas sehr gut; regelmäßige effektiveTreffen fänden statt, beschrieb Stary die aktuelle Situation.

Als Beispiel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit schilderte Martin Stary das Wiederansiedlungsprojekt für eine Birkhuhn-Population. 50 dieser seltenen Vögel seien bei der Frühjahrsbalz gezählt worden. Man führe nun ein gemeinsames Monitoring durch, um mehr über diese Bewohner von Moor, Heide und lichtem Wald zu erfahren. Um alle diese Lebensbedingungen zu gewährleisten, wurde ein 26 Hektar großes Biotop geschaffen, von dem sich die Wanderer selbst ein Bild machen konnten. „Viel Aufwand für so wenige Tiere“, stellte ein Teilnehmerin fest, die gleich als Antwort bekam: „In einem Schutzgebiet muss so etwas möglich sein.“

Im Gebiet um Modrava lebt seit dem vergangenen Jahr ein Wolfsrudel, berichtete Martin Stary. Im Juli 2017 habe ein Wolf ein Schaf angefallen. Seitdem stellt der Nationalpark den Landwirten spezielle Schutzzäune zur Verfügung – eine Methode, die sich als wirksam erwiesen habe. Die Aufklärung sei im Gang und zeige erste Früchte.

Der Weg nach Fürstenhut, dem früheren Knížecí Pláně, auf dem 1080 Meter hohen Grenzkamm führte durch eine offene Landschaft: immer wieder Wiesen und ein großartiger Ausblick. Steinmauern erinnerten daran, dass hier bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Höfe standen, die nach der Vertreibung der Sudentendeutschen zerstört wurden. Im Jahre 1800 hatte Fürst von Schwarzenberg 48 Holzhauerfamilien aus der Umgebung bis Passau erlaubt, sich hier anzusiedeln. Den Wald mussten sie auf eigene Kosten roden, steht auf einer Erinnerungstafel beim Friedhof, der nach der Grenzöffnung 1990 als Geste der Versöhnung restauriert wurde. Ein Kreuz steht an der Stelle, an der sich früher die Kirche befand. An diesem verlassenen Ort war an diesem Traumtag in Böhmen durchaus ein Hauch von Melancholie zu spüren.